180 Grad: Willkommen bei den Kannibalen Inseln

Unsere 550 Meilen Passage nach Fidschi von Tonga war meistens schnell und oft spannend sowie auch anstrengend. Die ganze Zeit hatten wir ordentlich viel Wind von mindestens 6 Beaufort, manchmal auch 7 oder 8 meist von hinten. Auch der Schwell lief die letzten 150 Meilen mit uns. Wir segelten regelmäßig über 8 Knoten Speed und als wir uns den Inseln näherten, holten wir den Besan ein und haben die Genua stark gerefft, damit wir nicht zu früh ankommen würden. Trotz unserer besten Bemühungen, auf der Bremse zu stehen, gab es dennoch zu viel Wind und so kamen wir immer noch im Dunkeln im Hafen an. Gott sei Dank gibt es ein Richtfeuer durch die Malolo Passage. Mit ein wenig angespannten Nerven passierten wir den Kanal durch das Barriereriff und ließen unseren Anker in der Momi Bay fallen, um uns dort ein paar Stunden zu erholen.

“Sie sind ein Volk, das den Krieg erfreut. Sie haben einen fast unerschöpflichen Appetit darauf. Verbunden mit ihren häufigen Kriegen ist ein Übel, dass glaube ich hauptsächlich in Fidschi existent ist. Der Kannibalismus. Etwas Böses, das einmal aus Rache entstanden sein könnte, und nun zu einem anhaltenden Appetit und einer Vorliebe für menschliches Fleisch geworden ist … (…)
Fidschi glaube ich, übertrifft sogar Neuseeland bei diesem furchtbaren Laster. Die Berichte, die wir hören, sind wirklich abscheulich. Es ist nicht nur ein Mensch, der hin und wieder als Mahlzeit für seine hündischen Landsleute dient. Es sind auch nicht zehn oder zwanzig, sondern Hunderte.
Als ich es zum ersten Mal hörte, war ich ungläubig und zuversichtlich, dass die Geschichten übertrieben waren, aber bei der Vernehmung des Vertrauten eines Fijian Chiefs hier vor Ort er mir versichert, dass “mooni aubito” [mo’oni ‘aupito] (tatsächlich) vor kurzem mehr als zweihundert menschliche Leiber für ein einziges Fest angerichtet wurden!”

So berichtete James Watkin in einem Brief zur London Missionary Society im Jahre 1834. Der Ruf von Fidschi als Kannibalen Inseln verbreitete sich weit und breit dank der – vermutlich etwas blumigen und überenthusiastischen – Erzählungen von einigen Missionaren aus dieser Zeit. Wenn man selber auf einer abgelegenen Insel ausgesetzt worden wäre und die Aufgabe hätte Menschen zu bekehren, deren Sprache man nicht spricht und die mit ihrem eigenen Glauben eigentlich vollkommen glücklich sind, würden man wahrscheinlich in seinen Briefen in die Heimat genau so übertreiben. Interessant fand ich, dass im Guinness Book of Records der Fijian Chef Ratu Udre Udre als der produktivsten Kannibalen aller Zeiten erwähnt wird. Er starb um 1840 und hat 872 bis 999 Menschen verspeist. Nicht schlecht. Wenn er Hunger hatte, ging er auf seinen Hügel und schlug mit einem großen Stock auf den Boden, um so seinen Hunger nach menschlichem Fleisch zu verkünden. Die “potentiellen Mahlzeiten”, die in einem Gefängnis in den Mangroven gefangen gehalten wurden, waren wahrscheinlich nicht sonderlich erfreut, wenn sie das Klopfen hörten. Allerdings handelte es sich hier wohl um eine Ausnahmeerscheinung. Der sonst geläufige Brauch war, den Feind in der Schlacht zu töten und dann zu verspeisen mit der Absicht, sein Wissen, seine List und seine Macht zu übernehmen. Einige Berichte deuten auch darauf hin, dass der Kannibalismus eher ein rein pragmatischer Weg war, um auf langen Seereisen nicht zu verhungern. Anbetracht der Spieße, die man zum Essen der Köpfe benützt, und dem Kannibalen-Puppen, die in den Souvenirläden überall angeboten werden, könnte man den Eindruck bekommen, dass der Kannibalismus noch gelebt wird

Fidschi besteht aus 332 Inseln entlang des 180.ten Längen und 18.ten Breitengrades süd. Greenwich liegt ja bekanntlich geographisch genau gegenüber auf der anderen Seite der Erde auf den sogenannten Nullmeridian. Wir müssten von hier aus nur noch ein paar Grad weiter nach Süden segeln, um genau uns genau gegenüber von London zu befinden. Auch wenn die Vergangenheit nach meinem Empfinden wirklich gruselig war, fühlen uns hier trotzdem sicher auch wenn vielleicht doch noch der eine oder andere “Hobby” Kannibalen sein Unwesen treiben könnte 🙂
Die beiden Hauptinseln – Viti Levu und Vanua Levu, zusammen mit der malerischen Yasawa und Lomaitivi-Gruppe – befinden sich auf der westlichen Plattform einer im Meer versunkenen Bergkette. Wir sind an der Westküste von Viti Levu an Land gegangen, der größten und am westlichsten gelegenen Insel. Doch zuvor mussten wir noch durch die Lau-Inseln segeln, Scheinbar erfolgreich, denn wir haben es geschafft ohne auf ein Riff gelaufen zu sein. Wir fühlen uns nach solch kitzeligen Passagen immer wieder sehr erleichtert! Die “Lau Group” besteht aus ca. 80 Inseln, die sich auf etwa 400 Meilen Länge verteilen. Zwischen ihnen befinden sich zahlreiche Riffe und Untiefen und wir haben viel Zeit in die Routenplanung investiert, um nicht deren Bekanntschaft zu machen.
Die Fidschianer machen Tonga das Eigentumsrecht für das Minerva Reef (irgendwo im südlich Teil der Lau-Gruppe) strittig. Tonga schickt nun regelmäßig Patrouillenboote, um zu überprüfen, dass es keine Wiederholung der Ereignisse vom Januar 1972 gibt, als der amerikanische Milliardär und der Allround-Dodgy-Geezer Michael J. Oliver damit anfing, dort Sand aus Australien aufschütten zu lassen, um sich seine eigene utopische Republik auf dem südlicheren Riff zu erschaffen, eine äußerst faszinierende Geschichte.

Nach ein paar Stunden wohl verdientem Schlaf vor Anker in der Momi Bay, fuhren wir unter Motor an der Westküste von Viti Levu entlang. Unser Ziel war Lautoka. Lautoka ist ein offizieller Port of Entry und die zweit größte Stadt nach Suva. Wir haben von unterwegs aus mehrmals mit den Beamten von Customs und Immigration per Funk gesprochen und unser Kommen angekündigt. Als wir dann kurz nach 16 Uhr “ready to go” waren, waren wir wirklich enttäuscht, dass die Zollbeamten beschlossen hatten, nach Hause zu gehen und uns bis Sonntagmorgen in der Bucht auf dem Schiff warten zu lassen. AARRRGGGH. Dietmar war unglaublich entspannt mit der Situation und ich, was sonst eher ungewöhnlich für mich ist, war wirklich enttäuscht und böse. Ganze fünf Minuten lang. Dann erinnerte ich mich, dass wir die ARC-Flotte endlich eingeholt hatten, nachdem wir ihnen einen 2-monatigen Vorsprung gegeben hatten. Wooohoooo !! Jeder, der mit einem von uns auf Facebook befreundet ist, findet ein Video, das zeigt, wie glücklich mich dieser Gedanke gemacht hat. Echt peinlich aber lustig. Hätte ich Kinder, hätten sie ihre Mutter wahrscheinlich bei ihren Freunden verleugnet :).

Es gibt nicht viele Einklarierungs-Formulare hier in Fidschi und das ganze Procedere war nicht ansatzweise so anstrengend wie in Tonga, aber das Einchecken dauerte dennoch über 6 Stunden. Zuerst mussten wir den Mann von der Gesundheitsbehörde treffen, und danach mit dem Zoll, der Einwanderungsbehörde und zuletzt noch mit der Umweltbehörde sprechen. Alle Stellen befanden sich in dem Gebäude, dass sich auf dem belebten Kai befand, an dem gerade zwei Containerschiffe erst ent- und dann beladen wurden. Ein ständiger Strom von Gabelstaplern, Tiefladern und Sattelschleppern fuhr direkt vor unseren Nasen an den Büros vorbei. Die großen Seecontainer wurden per Kran von den Schiffen geholt und auch wieder geladen Manche Hafenarbeiter saßen am Sonntagnachmittag gelangweilt im Schatten und warteten auf ihren nächsten Job. Ein Wachmann versuchte von einer Brücke aus einen Fisch zu fangen. Gelangweilt vom ewigen Warten brach ich die Anweisung des Beamten, mich nur in dem eiskalten klimatisierten Büro aufhalten zu dürfen und wagte es, die 50 Meter bis zur Brücke zu gehen, um ihn zu plaudern. Mit der Angelschnur in der Hand, hockte er auf dem Rand der Brücke mit Helm, Stahlkappen-Stiefeln. Auf seiner Weste stand in großen Buchstaben SECURITY auf dem Rücken. Er schien über die Abwechslung erfreut zu sein. Nach dem üblichen “Woher kommst du, wie bist du hierher gekommen, wow das ist ein langer Weg”, haben über die Fische gesprochen. Er hat mir gesagt, dass die Fische hier “Brotfisch” genannt werden. “Weil sie wie Brot schmecken?”, fragte ich.
“Nein, weil sie Brot fressen”
Er benutzte ein Stück Fisch als Köder.
“Hast du irgendwelche gefangen?”.
“Noch nicht”
“Warum benutzt Du dann Fisch als Köder?”
“Weil ich kein Brot habe …”
“Oh”

Der Knabe von der Bio-Security, ein schwächlicher und schüchterner junger Mann mit sehr langen Wimpern, der offensichtlich ein Frischling in diesem Job war, fuhr mit Dietmar im Dinghy zu CESARINA, um zu prüfen, ob wir Ungeziefer, Pest oder sonstige derartige Delikatessen an Bord haben. Er betrat CESARINA ohne vorher seine dreckigen Stiefel auszuziehen. Dietmar war ziemlich wütend über diese großartige Dienstleistung und hat mit größtem Vergnügen dafür gesorgt, dass die Dinghy-Passage zurück zum Hafen sowohl sehr nass als auch schnell für Mister Dreckschuh wurde. Dem Burschen wurde auch noch speiübel denn seine Nase war genauso grün wie seine Weste 🙂 Selber Schuld!

Während dieses langwierigen Procederes trafen wir auch Richard, den Kapitän von ALANI II. Eine Luxusmotoryacht, die er gerade aus Neuseeland überführt hatte. Bereit für ihren australischen Eigner, der bald an Bord kommen sollte. Vor lauter Langeweile habe mich freiwillig dazu entschlossen Richard zu helfen, den lästigen Papierkram für seine Crew auszufüllen. Er hatte auf der Fahrt hierher mehrere Gelbflossen-Thunfische geangelt und bot uns an, als ein Dankeschön seinen Fang mit uns zu teilen, was wir gern angenommen haben. Eine Hand wäscht die andere, wie es so schön heißt …

Wir näherten uns langsam aber sicher dem Finale und hatten fast schon alle Stempel und Papiere zusammen. Am Ende bekamen wir dann noch eine satte Rechnung serviert. Der Behördenapparat möchte schließlich auch gefüttert werden. Nur weshalb musste die Rechnung denn gleich so hoch sein? Ganz einfach, weil: a) sie es können, b) es war Sonntag und c) ich war in der Tat ehrlich, wie viel Alkohol wir an Bord hatten. Es war zwar nicht viel, aber man muss dafür Zoll bezahlen. Die nette Dame vom Zoll bestand darauf, dass wir die Gebühren in Fidschi-Dollar bezahlen mussten (die wir natürlich nicht hatten, weil wir ja noch nicht an Land gewesen sind) und sagte, sie würde warten, bis wir beim Geldautomaten gewesen sind. Ich bat sie um eine kurze Wegbeschreibung, wo wir das Ding finden würden. Sie begann damit zu uns den Weg zu erklären. Kurz darauf kam von ihr ein Seufzer, und sie bot uns an uns dort hin zu fahren. Klasse 🙂 Wir kletterten in ihren zerbeulten Nissan Sunny und fuhren gut 5 Minuten bis zur Stadt Lautoka. Wir plauderten und fanden heraus, dass sie 5 Jahre in Japan gelebt hat weil ihr Mann dort einen Vertrag als professioneller Rugbyspieler hatte. Wir dankten dem lieben Gott für ihre Freundlichkeit – wir wären stundenlang unterwegs gewesen.
Schließlich waren wir fertig. Erschöpft, durstig und sehr hungrig sind wir zur CESARINA zurück und es gab noch ein verspätetes Mittagessen. Es war gegen 15 Uhr und wir freuten uns darauf – endlich! – sehr bald einige unserer ARC Freunde wieder zu sehen. Yay! Der Plan war, in der Saweni Bay zu ankern und die 2,5 Kilometer bis zur Vuda Point Marina zu gehen, wo einige Schiffe der ARC Flotte lagen. Wir waren gerade kurz davor den Anker zu lichten, als wir auf UKW angerufen wurden. “War das für uns?”, fragte ich Dietmar. “Keine Ahnung”, sagte er. Es war der junge Mann mit den Wimpern von Bio-Security der vergessen hatte, uns ein abgestempeltes Formular mit zu geben und uns natürlich auch noch eine weitere fette Rechnung für die Inspektion und Müllentsorgung zu präsentieren. Was?! Oh neiiin!!! Um Gottes Willen …

Anderthalb Stunden und weitere 300 Fidschi-Dollar (ca. 150 Euro) später, durften wir schließlich abfahren. Wir erreichten noch rechtzeitig die Saweni Bay, bevor die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Wir köpften eine Flasche Wein und feierten den Tag mit leckerstem Gelbflossen-Thunfisch Sashimi. Vielen Dank an Richard von der ALANI II.

48 Stunden später wurde CESARINA in der Vuda Point Marina aus dem Wasser gehoben. Dietmar war am Tag zuvor ziemlich nervös als wir den sehr schmalen Kanal durch das Riff zur Marina passierten, da wir nur 10cm Wasser unter dem Kiel hatten. Im Gegensatz dazu, war unser Haulout extrem nervenaufreibend für mich und Dietmar dagegen war super ruhig und cool. Als CESARINA aus dem Wasser gehoben wurde, kam mir die ganze Szene etwas surreal vor. Ihr Unterwasserschiff ist so beeindruckend groß! Ich wohne zwar schon 6 Monate in ihrem “Bauch”, aber von unten hatte ich sie noch nie gesehen.
Ein Rigg-Check ergab, dass zwei der vier Unterwanten, die den Mast seitlich stützen im Begriff waren, den Geist aufzugeben (Gott sei Dank, dass ich das vorher nicht gewusst habe). Weil Dietmar jetzt sehr misstrauisch geworden war, orderte er gleich noch ein neues Vorstag, dass die große Last unserer Genua trägt und den Mast nach vorn stützen muss. Es gibt für die Männer überall etwas zu tun … Motorservice, Generatorservice, neue Antifouling, Rumpf reinigen und wachsen, Propellerservice usw. Es wird wirklich heiß im Schiff wenn es aus dem Wasser ist. Über 40 Grad in der glühenden Sonne. Aber glücklicherweise verging die Zeit schnell und schon 3 Tage später schwammen wir wieder im kühlen Nass 🙂

Es fühlt sich erstaunlich gut an zu wissen, dass wir die Flotte endlich eingeholt haben. Es war nur ein bißchen ätzend, dass wir es wohl zum allgemeinen Rendezvous in Musket Cove nicht schaffen würden, bevor alle wieder abfahren. Aber zumindest würden wir dieses Mal mit der Flotte zusammen Fiji verlassen. Es ist wirklich beruhigend zu wissen, dass es wieder Schiffe in der Nähe gibt, die einem vielleicht helfen können, wenn man ein Problem haben sollte. Dietmar und ich haben in den letzten Monaten viel über einander und über CESARINA gelernt, mit der wir ohne ein solches Sicherheitsnetz über 8500 Seemeilen gesegelt sind …

Wir sind sehr froh, wieder in der Gesellschaft von ATLA und AURORA, SANDVITA und auch TAISTELAI zu sein. (obwohl mehrere Crewmitglieder davon krankheitsbedingt aus der Rallye gestiegen sind und die Flotte in Australien wieder einholen wollen. Wir wünschen Helen vor allem das Beste für eine baldige Genesung.) Wir haben hier auch neue großartige Freunde gefunden. (Hallo, AMOSEA ISLAND :D) und man konnte mich auch sehr oft an der Bar am Wasser finden, wo ich köstliche Smoothies geschlürft habe und mich gefreut habe, nicht selber kochen zu müssen.

Ein kleiner Nachtrag noch: Der letzte offiziell aufgezeichnete Vorfall von Kannibalismus war der Mord und “Konsum” des Pfarrers William Baker im Jahre 1867 zusammen mit seinen 7 Fidschianischen christlichen Helfern. Aber es wird auch öffentlich darüber in gewissen Kreisen spekuliert, ob der Kannibalismus noch in abgelegene Gebiete bis heute existiert. Anscheinend schmeckt “langes Schwein” wie Schweinefleisch, nur süßer. Die Einheimischen hier sind alle super freundlich und trotz der leckeren Speisen im Restaurant, habe ich viel zu viel Gewicht verloren, um als attraktive Mahlzeit zu dienen. Dietmar, auf der anderen Seite … 😉

One thought on “180 Grad: Willkommen bei den Kannibalen Inseln

  • September 6, 2017 at 6:43 pm
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    Lieber Dietmar, ich bin auf Dienstreise in Regensburg. Deinen Geburtstag habe ich aber nicht vergessen. Herzlichen Glückwunsch! Bleib gesund und geniesse das Leben. So lange du das was du tust liebst, ist es das Richtige. Ganz liebe Grüße und du hast hoffentlich was ordentliches zu essen bekommen – Tina

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