Ein Segler auf Landgang oder ohne Törnplan auf Reisen

In einer Woche schon geht es zurück nach Kapstadt, wo meine CESARINA in der V&A Marina auf mich wartet. Jeden zweiten Tag bekomme ich einen kurzen Report von Barry oder Moses, die sich um meine Lady kümmern. Moses passt auf, dass alle Festmacher korrekt sitzen und CESARINA bei den sehr häufigen Starkwinden sicher am Ponton vertäut bleibt und Garry ist gerade dabei, alle Schäden an den Holzaufbauten und Setzbord zu reparieren. Er wird bis Ende Februar die Aufbauten und das Cockpit neu lackiert haben und ebenfalls das Motorpanel mit neuen Instrumenten bestückt haben. Soweit so gut. CESARINA ist also gut versorgt.

Tja, das Schiff ist ein Teil in dem Konstrukt. Der andere Part, nämlich ich, sitzt hier gerade an einem Tisch in Emmas Büro und guckt neben der Schreiberei ab und zu aus dem Fenster, weil die fetten Hagelkörner, die aus dem Dauergrau der britischen Himmellandschaft fallen, lautstark an die Scheiben klopfen. Die dargebotene Eisrevue lässt mich aber innerlich völlig kalt. Das miese Wetter kann mir komischerweise so rein gar nichts anhaben. Weder physisch noch mental.

Das ist eine der interessanten Erfahrungen, die ich seit mitte Dezember hier im Südost England machen durfte. Hätte gedacht, dass mich nach vier Jahren Dauersonne, die permanente Eiseskälte und der massive Beschuss von Krankheitserregern von allen Seiten, umgehend ins gesundheitliche Nirvana befördern würde. Ganz so wie früher, wo ich ein Dauerabo auf meine jährliche, lebensbedrohliche Männergrippe am Laufen hatte. Es hört sich vielleicht komisch an aber es scheint so, dass der gesunde Lebensstil der letzten Jahre sehr gut für mein Immunsystem gewesen ist. Selbst der Zahnarzt hatte nichts zu beanstanden. Und das, obwohl ich mir tonnenweise Snickers während der Nachtwachen reingezogen habe! Das kann gern so bleiben. Touch wood!

Seit dem wir feststellen mussten, dass es nicht sinnvoll war weiterhin mit Emmas Eltern unter einem oder besser gesagt „ihrem“ (wenn auch sehr großem) Dach zu wohnen, standen die letzten Wochen so triviale Daseinskonflikte wie Wohnungssuche auf dem Programm. Kann wirklich nicht behaupten, dass wir nicht schon von Anfang an sehr ernsthaft versucht hätten, etwas „Passendes“ zu finden. Die anfängliche, ja fast schon kindliche Vorfreude auf einen Neustart in UK (nach dem Totalverlust meiner bisherigen Heimat) und einer neuen „Hütte“, wich relativ schnell der harten Realität, die man auch Immobilienmarkt nennt. Beim Studieren der scheinbar unendlich vielen Angebote in Kent, sei es zur Miete oder zum Kauf, ging uns aber zunehmend immer schneller der Vorrat an Optimismus und Zuversicht aus. Bezahlbare Häuser stellten sich bei der „Leichenbeschau“ bestenfalls als Abstellkammern mit Kochgelegenheit heraus oder alternativ als absolute Vollruinen mit „Potential“. Früher wurden diese Hütten bei den Spaßkassen am schwarzen Brett mit der Überschrift „Geschickter Handwerker gesucht“ angeboten. Emma bezeichnet solche Burgen als „Gelegenheiten mit Potential“. Auch ein Mittel, den Spannungsbogen und inneren Zweckoptimismus auf Höhe zu halten. Letzte Woche habe ich mir noch zwei Plastikboxen mit Deckel als provisorische Kleiderschränke zugelegt. Unser Schicksal bald in einer nassen und kalten Tropfsteinhöhle „mit Potential“ nächtigen zu müssen, schien besiegelt. Wenigstens die Sachen in den Boxen würden aber trocken bleiben. Soweit die Theorie.

Nachdem wir unsere Entlassungsurkunde aus dem elterlichen Palast erhalten hatten, hatten wir über Nacht schlagartig ein paar Atü mehr Druck auf dem Leidenskessel. Mit viel Glück und Unterstützung Ihrer Tante Debbie, fand Emma eine zufällig freie „Air B&B“ Wohnung. Die Bude war an und für sich soweit ok. Kleine Nachteile nimmt man natürlich gern in Kauf. Besonders wenn es mal schnell gehen muss. Gleich am nächsten Morgen klopften 2 Typen mit Werkzeugkoffern unter dem Arm an die Tür. Innerhalb von 3 Stunden war dann auch schon die Eingangstür inklusive Rahmen rausgebrochen und mit der Flex die Öffnung um 20cm verbreitert. So eine Riesensauerei! Alles voller Staub und Schei..e! Und das gleich in der Früh am Montagmorgen. Geil! Die Story von der Waschmaschine, der Heizung, den kaputten Stühlen und den sympathischen sowie zahnlosen Typen im der Nachbarschaft will ich gar nicht erst erzählen. Wir waren froh, dass es so schnell ging und der schwerhörige Opa über uns seinen Fernseher mit Subwoofer und Dolby Surround nicht vor 07:30 und nicht nach 23:00 Uhr laufen ließ. Nächste Erfahrung: man gewöhnt sich wirklich an alles! Vielleicht nicht gern und willig, aber es geht wenn es gehen muss 🙂 …

Nach einigen Wochen druckmotivierter Suche, haben wir dann letztendlich „unsere“ Wohnung gefunden. Genau acht Tage bevor wir unsere Burg vertragsgemäß hätten räumen müssen und vier Wochen vor meinem Rückflug nach Kapstadt. Somit war geklärt, dass Emma gut untergebracht ist wenn ich in den nächsten vier Monaten wieder auf See sein würde. Wenn sie morgens aus dem Fenster guckt, sieht sie direkt auf den englischen Kanal und wird hoffentlich ab und zu mal an mich denken. Kann nur hilfreich sein, denn vier Monate sind eine lange Zeit. Schließlich bin ich es ja wieder einmal, der den Seesack packt und auf Reisen geht. Naughty Boy! Würde mal sagen, dass wir echt mal wieder Glück gehabt haben. Eine neue Eingangstür ist, glaube ich zumindest, auch nicht vorgesehen.

Es ist ein merkwürdiges und diffuses Gefühl, wieder stückweise in eine Welt einzutauchen, der ich ganz bewusst vor einigen Jahren den Rücken gekehrt hatte. Es hat viel Entschlusskraft und Energie gekostet, mich von allem zu lösen, was in irgendeiner Art und Weise an einem nach meinen Vorstellungen „freien“ Leben im Weg stehen könnte. Haus, Pferde, Katzen, Autos, Motorsport, Firma und jede Menge Verpflichtungen standen von dem Tag an nicht mehr an erster Stelle. Es gab viele traurige Momente auch wenn wir wussten, dass für unsere Vierbeiner sehr liebevoll und gut gesorgt wurde. Es war ein Setzen neuer Ziele und Prioritäten und die Umsetzung (m)eines Lebenstraumes. Ich bis heute kann ohne Wenn und Aber behaupten, dass diese Art zu leben genau das war, was ich mir gewünscht hatte! Genau jetzt aber stehe ich an einem Wegepunkt, an dem ich niemals wieder stehen wollte. Ich wehre mich innerlich mit Händen und Füßen davor, mir z.B. wieder ein Auto anzuschaffen, einen Mietvertrag zu unterschreiben oder jegliche Art von Verpflichtung einzugehen. Ich möchte mich einfach nicht binden und eines Tages in England sterben. Nein! Ganz im Gegenteil! Ich denke eher daran eine „maritime“ Zukunft zu planen und alle Wege und Möglichkeiten offen zu halten. Wie immer die auch aussehen mag. Ich brauche ganz einfach eine Aufgabe, die mich ausfüllt. Der erste Schritt in diese Richtung wird die Ausbildung zum RYA YM (Royal Yachting Association Yacht Master) bei Michael Schneider in Berlin sein. Anspruchsvoll und sinnvoll zugleich. Außerdem habe ich auch Bock darauf 😀

Nach der zeitweise hohen Dosis an Depri-Einheiten in den letzten Wochen und Monaten, habe ich mich öfters gefragt, warum ich mir so manche Dinge überhaupt antue? Von mir aus hätte es gern so weiter gehen können mit dem Lebensstil der letzten Jahre. Die Antwort: Alleine macht das Leben auch auf einem Schiff einfach keinen Spaß! Es ist dabei auch völlig egal, wo man sich gerade aufhält. Auch die schönste Südseeinsel macht keinen Spaß wenn man die schönen Momente nicht mit seinem Lebenspartner teilen kann. Ich bin jedenfalls nicht für das Alleinsein gemacht und muss jetzt versuchen, den Spagat des Lebens für mich hinzubekommen. Habe mal gehört, dass ich damit nicht allein in der Welt unterwegs bin 😀

In England zu leben wenn auch nur zeitweilig, gestaltet sich deutlich schwieriger als anfänglich vermutet. Als „Ausländer“ wird man meiner Erfahrung nach zumindest in Südengland auch nicht gerade von der Mehrheit der Insulaner herzlich empfangen. Es wäre aber den vielen netten Menschen, die ich hier kennengelernt habe, sehr ungerecht gegenüber zu behaupten, dass es hier keine netten Menschen gäbe. Die gibt es sehr wohl, wie überall auf der Welt. Der Unterschied ist, dass ich hier nicht den Anker lichten kann oder einen Steg weiter verholen kann wenn ich den Wunsch nach Luftveränderung habe. Gar nicht so einfach damit klar zu kommen, dem netten Herrn Nachbarn freundlich in die Visage zu gucken, wenn dem Kerl offensichtlich das Gesicht einschläft, sobald er meinen ausländischen Akzent hört. Emma hat mich dringend davor gewarnt, in solchen Fällen das „frisch Erlernte“ auszupacken und anzuwenden. Damit ist das in allen Formen und Farben angewandte „Fluchen und auf`s übelste Beleidigen“ gemeint. Emma hat mir diese großartige Überlebenshilfe beim Autofahren beigebracht. Learning by doing fand ich ja schon immer toll :). Aber im Großen und Ganzen gesehen ist es so, dass ein Gefühl von Distanz und Fremdsein latent vorhanden ist. Nicht die beste Ausgangslage, um eigene Visionen von einer neuen Existenz zu erträumen.

Was wirklich cool ist und hilft gut gelaunt über den Tag zu kommen, sind die gemeinsamen Stunden als Volunteer (Freiwilliger) mit den Klienten aus den Pflegeheimen von Emmas Familie. Ich bin einfach dabei, wenn die Gruppen zu den täglichen Spaziergängen und sonstigen Ausflügen unterwegs sind. Bisher waren relativ viele Momente dabei, die sehr unterhaltsam und auch spannend für mich waren. In diesen Heimen befinden sich Menschen, die unter dem sogenannten Korsakoff Syndrom leiden. Schädigungen des Gehirns wegen anhaltendem Vitamin B1 Mangel, meist hervorgerufen durch sehr exzessiven Alkoholmissbrauch. Das Kurzzeitgedächtnis ist komplett zerstört, ähnlich wie bei einer Demenz. Bei jedem Ausflug lerne ich mehr über die oft sehr tragischen Schicksale dieser Menschen und ebenso in Schulungen grundlegendes über Krankheiten wie Diabetis und Epilepsi. Es sind ein paar echt gute Typen darunter, mit denen es sehr viel Spaß macht sich zu unterhalten und Zeit zu verbringen. Wir haben alle unsere Probleme und Macken und manche haben einfach nur Pech gehabt, weil zu viele Schicksalsschläge zur gleichen Zeit zugeschlagen haben. Das kenne ich ja selber nur zu gut aus meiner eigenen Familie. Mir tut die Zeit mit den Klienten und Mitarbeitern jedenfalls sehr gut und hilft so einige Dinge im Leben mit etwas anderen Augen zu sehen. Vor allen Dingen lehrt es nicht den Respekt vor den Menschen zu verlieren, die es nicht so gut im Leben getroffen haben und die Päckchen nicht mehr tragen konnten. Jedes Ding hat eben zwei Seiten.

Meine Koffer mit all den vielen Ersatzteilen und neuem Equipment stehen schon mehr oder weniger gepackt für meinen Rückflug am 2. März nach Kapstadt bereit. Die Arbeiten an CESARINA gehen voran und ich freue mich schon sehr auf meine Rückkehr. Um den 10. April herum, werden mein Freund und Mitsegler Franjo und ich dann bei passendem Wetter nach St. Helena ablegen. Wir werden danach zu den Kapverden oder vielleicht sogar bis zu den Azoren segeln. Wir haben dafür 6-7 Wochen eingeplant. Spätestens auf den Azoren wird dann Stefan an Bord kommen. Stefan ist ein Profiskipper mit einem beeindruckenden beruflichen Lebenslauf. Er ist schon auf den tollsten Yachten als Schiffsführer unterwegs gewesen und wir werden CESARINA von dort aus zusammen nach Kiel zurück segeln. Freue mich jedenfalls schon sehr, auch einmal einen Profi an Bord zu haben. Schließlich lernt man ja nie aus und interessante Menschen haben auch viel Interessantes zu erzählen. Auf langen Törns kommt es schließlich in erster Linie auf die zwischenmenschliche Komponente an. Kenne auch die andere Variante und bin nicht mehr bereit, irgendwelche Kompromisse diesbezüglich einzugehen. Oder anders gesagt: Sei schlau und hör auf Deine Frau 😀 Das Bauchgefühl zählt und sonst erst einmal nix.

Im Juli wird CESARINA dann hoffentlich in Kiel einlaufen. Mit etwas Glück fällt der Tag mit der Kieler Woche zusammen. Bin schon der Meinung, dass meinem stolzen Mädchen dieses Rahmenprogramm sehr schmeicheln würde. Werde mir dieses schöne Bild sicherlich noch öfters bei langen Nachtwachen oder fiesem Wetter innerlich vor den Schirm ziehen. Das motiviert und gibt Kraft in den schwachen Momenten, in denen man von einem Haus im Grünen oder einem fetten Wohnmobil als mögliche Alternative zur manchmal alles andere als komfortablen Seglerei auf den Ozeanen dieser Welt träumt. Aber allein schon die Vorstellung mit CESARINA unter vollen Segeln und über 50.000 Seemeilen im Kielwasser am Regattafeld vorbei zu segeln, finde ich ehrlich gesagt ziemlich cool. Dann müssen wir es also nur noch machen und rechtzeitig in Kapstadt ablegen 🙂
Doch eine Frage kreist ständig, wenn auch meist unterbewusst, in meinem kahlen Köpfchen umher. Was soll ich dann bloß machen wenn die letzte Leine am Steg des Kieler Yachtclubs belegt ist? Mein aktueller Vollzeitjob, einen „high maintenance“ Klassiker am Laufen zu halten und über die Ozeane zu segeln, wäre dann ja zunächst einmal erledigt. Am Ende denke ich immer wieder an die tolle Zeit im Motorsport zurück. Dort war das Motto: „Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Die Zeit dazwischen heißt WARTEN“ (Aus „Le Mans“) und „A race is long. To finish first, first you must finish“ (Garth Stein, the Art of Racing in the rain).
Mit anderen Worten: mach das, was Dich am meisten glücklich macht solange es geht und versuche nichts zu erzwingen. Ist ja eh zu meinem Motto in den letzten Jahren geworden.

3 thoughts on “Ein Segler auf Landgang oder ohne Törnplan auf Reisen

  • February 23, 2018 at 7:25 pm
    Permalink

    Hi Dietmar, du schreibst sehr unterhaltsam, wie auch Emma. Für uns sind deine Erfahrungen sehr interessant, weil unsere Weltumsegelung noch bevorsteht (aber erst in ein paar Jahren). Wir sind demnächst 3 Monate in der Ostsee unterwegs und wollen unsere Rival 38 C auf Herz und Nieren prüfen.
    Unsere Nachbarn sind gerade in Kapstadt und schicken uns jedenTag viele schöne Fotos von der Gegend. Vom Hafen haben sie uns nichts geschickt, Schade.
    Was willst du mit dem RYA YM (Royal Yachting Association Yacht Master) anfangen? Luxusyachten überführen?
    Ich mache zur Zeit meinen SKS.
    Viele Grüsse aus Wuppertal
    Chris und Isabella

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  • March 2, 2018 at 9:35 pm
    Permalink

    Life is not always clear cut and never works out as planned. But life it is, and it is up to us to choose, lay down that choice and go for it.
    As life is a gift and needs to be seen as such. You are living proof of that Dietmar.
    ” Godspeed ” my friend. Have a safe trip to wherever home will be.
    Your friend Maik

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