Mal wieder vor Anker… oder alles kommt anders

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Draußen bläst es kräftig aus Nord und CESARINA zerrt in gewohnter Manier an der Ankerkette in der Anchorage vor der Marina von Praia do Vittoria , auf der wunderschönen Azoreninsel Terceira. Heute Morgen war ich eigentlich mit meinen Freunden Per und Katia von der schwedischen Segelyacht SCARLET zum Frühstück verabredet. Wind und Regen haben uns leider einen Strich durch die Rechnung gemacht und so planen wir, uns zum Kaffee heute Nachmittag zu treffen. Derweil werde ich die seit längerem eher seltene Gelegenheit zum Schreiben eines Blogs zu nutzen. Gott sei Dank ist meine Kaffeemaschine ein zuverlässiger Partner geblieben und verwöhnt mich mit dem köstlich braunen und anregenden Nass.

Wie so oft, oder besser gesagt eigentlich wie immer, haben sich Pläne und Umstände ganz anders entwickelt als angedacht. Es begann damit, dass ich Ende März nach einer längeren Pause von meiner Lady und einer schönen Zeit in England bei und mit Emma, an Bord von CESARINA nach Kapstadt zurückgekehrt bin. Die Lackierarbeiten waren mehr oder eher weniger abgeschlossen, und der Fahrplan für die nächsten Monate beschlossen. Mitte Juli sollte und wollte ich in Kiel anlegen und CESARINA dann einer neuen und verdienten „Pflegekur“ unterziehen. Der Liegeplatz vor dem Vereinsheim des Kieler Yachtclubs war bereits gebucht und bezahlt. Sogar die Schlüssel für die Steganlage in Kiel „Düsterbrook“ befanden sich schon an Bord. Das Problem war nur, dass uns eine recht schwierige weil anstrengende Seereise von gut 8000 Seemeilen nach Norden entlang der gesamten afrikanischen und europäischen Westküste bevor stand.

Der einfache Weg wäre gewesen, zusammen mit der WorldArc Flotte nach Brasilien und in die Karibik zu segeln und dann mit Rückenwind über die Azoren nach England zu segeln. Aber nein, der superschlaue und sturköpfige Skipper „Herr Henke“ hatte ja mal wieder einmal seine eigenen Pläne, und in völligem Vertrauen in sich und sein Schiff die harte Tour gebucht. Warum dort lang fahren, wo alle anderen unterwegs sind? Hat doch bisher auch alles geklappt ….

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Für die erste Etappe zu den Azoren hatte sich Franjo aus Köln gemeldet. Wenig bis keine Erfahrung vom Segeln aber dafür umso mehr Idealismus und ganz hervorragende Kenntnisse bei der Zubereitung von köstlichsten Speisen. Somit war die Aufgabenverteilung klar. Skipper ist für Schiff und Route verantwortlich und Franjo für das leibliche Wohl. Nachtwachen und allgemeine Aufgaben wurden brüderlich geteilt.

So ging die Reise dann auch Mitte April bei allerbestem Wetter von Kapstadt auch los, und schon 12 Tage und 1700 Seemeilen später kamen wir dann auf St. Helena an. Muss sagen, dass wir dort eine lockere und lustige Zeit hatten. Auf dem Weg dorthin, hat der Videoexperte Franjo während des Törns tolle Bilder mit seiner Drohne gemacht. Zweimal entging die Drohne dabei mehr als knapp dem Schicksal eines Totalverlustes im Südatlantik. Beim Landeanflug hatte sie sich in den Leinen und Wanten verfangen, und ist dabei jedes Mal an Deck abgestürzt. Das Wasser war nur ein bis zwei Meter entfernt. Keine einfache Sache so ein Teil auf einem fahrenden Segelschiff zu landen. Es gingen lediglich einige Propeller zu Bruch  Ansonsten war soweit alles im Lot. Nur die „Jacobsleiter“ von St Helena mit Ihren 600+X Stufen hat mich fast geschafft.

Ende April ging es dann weiter mit dem Ziel „Azoren“. Eine schlanke Reise über 3500 Seemeilen mit Äquatorüberquerung und allem was dazu gehört. Bis zum Äquator ging auch soweit alles gut und relativ problemlos. Ab St. Helena trennte sich unser Weg von dem der anderen wenigen Yachten, die fast ausnahmslos in Richtung Brasilien weitersegelten. Seit diesem Zeitpunkt waren wir absolut auf uns allein gestellt. Manchmal ein beklemmendes Gefühl bei dem Gedanken, dass uns wohl niemand so schnell würde helfen können, im Fall eines ernsthaften Problems. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich 3x auf Holz geklopft habe. Ich bemerkte aber auch, dass dieses vertraute Gefühl einer latenten Anspannung und Sorge vor möglichen Problemen sich als ständiger Begleiter in meinem Kopf wieder eingenistet hatte. Die vielen Angstmomente auf dem Indischen Ozean haben sich scheinbar viel tiefer als gedacht in mein Bewusstsein eingebrannt, als es mir lieb ist. Für Franjo in seiner war dieses Thema Gott sei Dank scheinbar weniger ein Problem.

Das änderte sich schlagartig als uns mitten in einer stockfinsteren Nacht die Realität einholte. Alle Segel waren gesetzt, um bei den sehr schwachen Winden den größtmöglichen Vortrieb zu erreichen. Andauernd wurde der Himmel von dem Wetterleuchten erhellt. Es ist schon etwas gespenstisch wenn es überall blitzt (aber nicht donnert) und man kurzfristig die riesigen Wolken und Schatten sieht, die dann sofort wieder in tiefster Finsternis verschwinden. Meine größte Sorge war, dass uns bei der extrem thermisch aufgeladenen Atmosphäre ein Squall überraschen könnte. Genau das geschah auch in dem Moment als ich mich bereits hingelegt hatte. Franjo hatte Wache und versuchte das Wetterleuchten mit der Kamera einzufangen.

Ich stand wenige Sekunden später senkrecht am Kartentisch nachdem ich im Halbschlaf gespürt habe, dass das Schiff leicht anfing sich auf die Seite zu legen. Auf dem Radar sah ich die riesige und tiefrote Gewitterzelle mit großer Geschwindigkeit auf uns zukommen. Nur wenige Sekunden später hämmerten dann auch schon die ersten harten Böen von der Seite auf uns ein. 34 Knoten (8 Beaufort) standen auf der Anzeige und das Wasser stand bereits in Höhe der Fenster an Deck. Wir klammerten uns irgendwo fest, um nicht wie der Rest der Dinge quer durchs Schiff zu fliegen. Mein Gott, was hatte ich für eine Angst, dass die Genua in Fetzen geht bei dem großen Druck im Tuch. Alle Versuche CESARINA vor den Wind zu steuern scheiterten daran, dass sie immer wieder mit der Nase in den Wind steuern wollte. Doch bei der Schräglage war das Ruder machtlos gegen den Druck im Rigg. Franjo stammelte etwas davon, dass er echt Angst hätte. Wer will es ihm verdenken? Nach gefühlten endlosen Minuten war der Squall durchgezogen und war alles wieder so friedlich wie zuvor. Die Segel waren Gott sei Dank noch ganz. Die Lektion hatte gesessen und der Blick in den Himmel und auf den Radarschirm eine Pflichtübung. Dafür war Franjos spätere Äquatortaufe umso lustiger. Eine ordentlich Dusche Seewasser aus der Pütz und den Skipperspruch, nahm er wirklich wie ein Mann  Spaß muss sein.

Am nächsten Tag beim Riggcheck entdeckte ich dann, was ich schon befürchtet hatte. Zwei Unterwanten waren gebrochen. Somit war die Entscheidung klar, dass wir die Kapverden anlaufen würden. Safety first. Der Weg dorthin war aber extrem anstrengend. Mit stark gerefften Segeln und mitlaufender Maschine zur Unterstützung, kämpften wir uns in den kommenden Tagen gegen den kräftigen Wind von 22-30 Knoten von vorn und wegen der Strömung zwischen den Inseln kurzen, steilen Wellen nach bis nach Mindelo im Norden durch. Ständig hatten wir 10 cm Wasser auf dem gesamten Deck stehen und CESARINA stampfte sich in den Wellen fest. Über und unter Deck war alles voller Seewasser und Salz. Es war einfach nur anstrengend und die Bordküche wegen des Seegangs überwiegend geschlossen. Am 14. Mai machten wir endlich in der Marina von Mindelo fest. Neben Santa Marta in Kolumbien, war das der windigste Ort mit dem meisten Schwell im Hafen. Nach 4 Tagen hatten wir bereits eine gerissene Mooringleine und zwei weitere, die kurz vor dem Exodus standen auf der Verlustliste stehen.

Zu unserem großen Glück gibt es in Mindelo einen hervorragend ausgestatteten Yachtservice unter deutscher Leitung. Innerhalb von 4 Tagen wurden alle 6 Unterwanten am Hauptmast gewechselt und auch das Vorstag erneuert. Die Schäden am Rigg waren nach einem gründlichen Check einfach besorgniserregend. Das Vorstag sowie ein Unterwand waren bereits schon vorgeschädigt und hätten uns schon vor dem Squall um die Ohren fliegen können. Mal wieder Glück gehabt!

Am 25. Mai ging es dann weiter zur letzten Etappe zu den Azoren. Am 6. Juni erreichten wir die Marina in Angra do Heroism/Terceira. Die Überfahrt verlief ruhig bis auf kleine technische Probleme. Dass die Genua einen Riss bekommen hatte und nicht mehr einsatzbereit war, finde ich nach den Ereignissen der letzten Wochen nicht mehr besonders erwähnenswert. Franjo war jedenfalls sehr glücklich, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Er hat sich wirklich sehr tapfer geschlagen und eine große Portion Respekt vor dem Meer im Gepäck, mit nach Deutschland zurück genommen. Knapp 5700 Seemeilen sind wir zusammen gesegelt. Weiß nicht, wie viele Anfänger das so ohne weiteres weggesteckt hätten. Chapeau! So ganz nebenbei, haben wir am 1. Juni um 4 Uhr morgens CESARINAS Kielwasser gekreuzt. Damit war meine Weltumsegelung erfolgreich beendet und der Kreis geschlossen. Seit meinem 21. Lebensjahr habe ich davon geträumt! Und was jetzt?

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Was war die Belohnung süß, als meine Emma dann am Terceira Airport aus dem Flugzeug gestiegen ist  Vor neun Monaten war sie in Indonesien nach gemeinsam gesegelten 14.000 Seemeilen (!) von Bord gegangen. Sie hat uns die ganzen Weg bis hierher täglich mit Wind und Wetterinformationen unterstützt. SSB Radio bzw. „Kurzwelle“ für die so wichtigen Wetterinformationen, hat ja auf der Südhalbkugel über Sailmail seit Australien wegen der fehlenden Funkstationen praktisch nicht mehr funktioniert! (für Wetterinfos kann ich nur noch IRIDIUM GO empfehlen). Ihre praktische und moralische Unterstützung in allen Situationen hat mein Leben sehr oft um so viel leichter gemacht. Denn da draußen kann man sich sehr leicht sehr, sehr allein fühlen. Ein großes Dankeschön dafür mein lieber Schatz! Wir verbrachten eine tolle gemeinsame Woche an Bord und segelten wie früher zusammen nach Sao Jorge, wo wir einen schönen Abend mit Rini und Pieter verbrachten (CESARINAS Voreigner).

Emma flog nach Ende der Woche wieder nach England zurück und Stefan kam an Bord. Mit ihm zusammen startete ich schon am nächsten Tag zum letzten großen Schlag über 1800 Seemeilen, mit dem Ziel Heimathafen Kiel. Leider entwickelte sich die Wettersituation für uns ungünstig. Nach gesegelten 600 Seemeilen Richtung Nord sahen wir, dass der Wind laut Vorhersage auch in den kommenden Tagen weiter aus NO kommen würde. Mit zunehmender Stärke noch obendrein und genau aus der Richtung, in die wir segeln wollten. Im Englischen Kanal hätten wir mit 25-31 Knoten rechnen müssen. Gruselig!

Dann der nächste Schlag ins Kontor. Die Hydraulik für Niederholer und Achterstagspanner verlor alles Hydrauliköl und das Vorstag somit seine Spannung. Damit wurde das Segeln gegen den Wind unmöglich. Schweren Herzens und einstimmig fassten wir den Entschluss, auf der Hälfte der Strecke um 180 Grad zu drehen und nach Terceira zurück zu segeln. Mehr „Depri-Einheiten“ waren fast nicht mehr möglich. Dazu die Aussage unseres Meterologen Chris Tibbs, dass sich die Wetterlage auch in den kommenden Wochen nicht ändern würde. Der Gedanke, dass einige Freunde in der Heimat schon einiges für eine Willkommensparty vorbereitet hatten, schmerzte neben der eigenen Enttäuschung doppelt. Am meisten enttäuscht war ich aber über mich selbst. Hätte ich eine professionelle Wetterberatung angefordert, wären wir eventuell gar nicht erst gestartet. Das half uns aber in der Situation auch nicht mehr. In unserem Fall stand der Sicherheitsaspekt und die Aussicht, irgendwo tagelang mit schwindenden Dieselvorräten in den Tanks vor Irland zu kreuzen, im Vordergrund. Warum sollte es auch anders sein als die Jahre zuvor? „Das Meer schert sich nicht um Segelboote“ hat mir ein lieber und geschätzter Segelfreund zu dieser Situation geschrieben. Und er hat Recht!

Einige Tage später waren wir dann wieder zurück und Stefan bald wieder auf dem Weg nach Hamburg. Per und Katia von SCARLET haben mir über die erste Phase der Enttäuschung hinweg geholfen. Für die einen war es nur das falsche Wetterfenster und für mich eine unerwartete neue Situation. Was sollte ich jetzt nur machen? Es war wieder da, dieses Gefühl von Erschöpfung und „Schnauze voll von der Segelei“ und dem allein sein. Wahrscheinlich aber sollte es so sein. Habe jetzt knapp 48.000 Seemeilen im Kielwasser und brauche eigentlich niemandem mehr etwas zu beweisen. Die vielen Meilen und Ereignisse haben Kraft gekostet, und ich habe irgendwie keine Energie und noch viel weniger Motivation mehr, in absehbarer Zeit einen neuen Anlauf zu starten.

Das Ergebnis? Kommenden Montag um 10:00 Uhr habe ich einen Termin am Bootlift in Angra. CESARINA wird die kommenden Monate genau wieder dort an Land stehen, wo wir sie vor drei Jahren entdeckt haben, als sie für die kommende Saison gerade vorbereitet wurde. Sogar der für sie speziell angefertigte Hardstand ist glücklicherweise noch verfügbar. Ein sehr guter und sicherer Platz für meinen Liebling. Wie gesagt, es sollte wohl so sein. Dort werde ich sie dann einlagern und danach zu Emma nach England nach Margate am Englischen Kanal zurückkehren.

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Am Ende ist alles anders gekommen als geplant. Es bleibt dabei „man plans, god laughs“.
Keine Ahnung was jetzt kommt. Vielleicht wird CESARINA eines Tages hier sogar wieder einen neuen Eigner finden. Alles ist möglich. Freue mich auf „mein neues Leben“ mit Haus, Hund und Hühnern und auf all die neuen Herausforderungen. Eine davon ist, dass Emma und ich uns gemeinsam auf den Yachtmaster-Lehrgang im August vorbereiten. Vielleicht schaffen wir es ja sogar später bis zum „Yachtmaster Ocean“ mit Hilfe von Michael und seiner Segelschule „sailingcircle.de“. Seemeilen genug haben wir jedenfalls gesammelt

In dem Sinne, Fair Winds!

4 thoughts on “Mal wieder vor Anker… oder alles kommt anders

  • June 30, 2018 at 5:29 pm
    Permalink

    Hi Dietmar,
    es kommt immer anders, als man denkt. Wir freuen uns immer neue Berichte von euch zu lesen. Wir haben zur Zeit eine 3 monatige Auszeit und besegeln die Ostsee. Auch sehr schön. Die Weltumsegelung können wir erst in 5 oder 6 Jahren starten.
    Als neue Herausforderung könnte es doch gegen den Wind gehen, wie bei Wilfried Erdmann.
    Naja, habt immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.
    Viele Grüße von Chris und Isabella von der SY Seven CS, momentan auf Öland. ;*)

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  • July 2, 2018 at 4:15 pm
    Permalink

    Hallo Dietmar.
    -zunächst, herzlichen Glückwunsch zur Weltumseglung. Wir haben Deine Reise im Internet mitverfolgt und waren in Gedanken oft bei Dir. Das Du die ganzen Widerstände überwunden hast und immer wieder weitergesegelt bist, ist echt der “Hammer”. Sicher wirst Du in anderen Häfen auch Segler getroffen haben, die den Absprung nicht mehr geschafft haben, weil sie auch die “Schnauze voll” vom Segeln hatten. Deine Zukunft mit Emma, Haus, Hund, Hühnern und Katzen hört sich sehr gut an. Wir haben genau den gleichen Schritt gemacht und könnten einige Tips zum Thema Haustiere geben.
    Zum glücklichen Leben braucht man oft weniger als man glaubt.
    Viele Grüsse und alles Gute für Euch Zwei.

    Christian und Sonja

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  • July 5, 2018 at 12:42 pm
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    Moin Dietmar,
    herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Weltumsegelung!!!
    Ganz tolle Leistung auch der Nonstopp-törn von Capetown zu den Azoren…..
    aber mit DER guten Seemannschaft wirst Du alle Ziele erreichen!
    Ich denke mal, der geplante Landtörn wird Dir navigatorisch und auch sonst
    keine Mühe bereiten.
    Alles Liebe und Gute für Eure Zukunft
    wünscht
    Dierk.

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  • July 21, 2018 at 9:32 am
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    Hallo Dietmar,
    Gratulation zur abgeschlossenen Weltumsegelung. Auch der nächste Törn in England wird dir gelingen. Unsere Loni 3 wartet auf uns in der Karibik. Im November geht es wieder hin.
    Im Sommer in Deutschland fröne ich einem neuem Hobby, der Jagd. Macht auch Spaß.
    Viele Grüße von unserem ARC Team Gerd, Horst und Gerald sowie natürlich von Loni und mir.
    Alles Gute
    Eckhard SY LONI3

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