Sturm im Hafen – oder eine Materialprüfung der anderen Art

Wie es sich für einen ordentlichen Sonntag gehört, haben wir den ganzen Tag über das angenehme Klima genossen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Alles war gut um uns herum und ging seinen gewohnt entspannten Gang. Wie jeden Morgen haben wir uns routinemäßig über das in den kommenden Tagen zu erwartende Wetter bei WETTERWELT informiert auch wenn unser geplanter Abfahrtstermin noch weit entfernt war. Mit Interesse beobachteten wir schon seit Tagen 2 Tiefdruckgebiete nord-westlich von uns, die schon heftige Hochwasser und Verwüstungen an der portugiesischen Küste verursacht hatten. Eines davon hatte bis zu 60 Knoten (Orkanstärke) im Zentrum und zog nord-östlich in Richtung England. Nur Madeira wurde wie eine Perle in Ihrer Austernschale verschont.

Tiefdruckgebiet

Am Nachmittag kam die freundliche Dame von der Marina-Verwaltung zu unserem Boot mit zwei Marineros im Gefolge. Kurz und knapp wurden wir informiert, dass für heute Nacht stürmisches Wetter erwartet wird und wir unsere Leinen und Festmacher  besser überprüfen sollten. Ein kurzer Blick auf unser solides Tauwerk und ein weiterer Blick auf die aktuellen Wetterdaten ließ in mir das Gefühl wachsen, dass wir für alle Eventualitäten gewappnet waren. Was sollte uns den schon passieren? Damit war das Thema dann auch schon wieder vom Tisch. Warum müssen die Leute denn auch immer so übertreiben?

 

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So langsam wurde es dunkel und der Wind nahm etwas zu, was aber ganz normal war, weil die steilen Felsen an der Küste nicht mehr aufgeheizt wurden und sich auch die Thermik dadurch veränderte. Meine liebe Frau Katja hatte sich mit Jana von der JOY OF LIFE zu einem „Frauen-Videoabend“ verabredet und ich freute mich somit auf einen ruhigen netten Abend allein an Bord. Mittlerweile trinke ich ja schon einmal gern eine Flasche Bier und mit einem Western-Movie meiner Wahl hatte ich es mir unter Deck so richtig gemütlich gemacht. In dem Film wurde geschossen und geballert was das Zeug hielt und eigentlich hätte mich nichts aus der Ruhe bringen können. Nur das immer stärker werdende, harte Rucken der Festmacherleinen vornehmlich am Vorschiff störten die Idylle. Irgendwann wurde es mir dann doch zu bunt und ich raffte mich auf, um wenigstens mal zu gucken, was denn da draußen los war.

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Ein Blick aus dem Fenster verriet dann auch schon alles. Nahe der Hafeneinfahrt sah ich gegen den schwach erleuchteten Horizont eine 54 Fuß (ca. 18m) Segelyacht, die wild stampfende Bewegungen an der Ankerkette vollführte. Jetzt kam aber ganz schnell Dynamik ins Spiel! Die Revolverhelden hatten endgültig Pause und es folgte ein beherzter Sprung an Deck. Ein kräftige Böe (Windstoß)  blies mir fast die letzten Haare vom Schädel….. Das hatte ich aber so nicht erwartet. Um die Lage besser einschätzen zu können, rannte ich unter Deck und schaltete die Decksbeleuchtung ein.

Auf dem Vorschiff angekommen, sah ich dann Dinge, die einem schon Angst machen können. Die Festmacher ruckten mittlerweile so dermaßen hart in die Klampen und Beschläge ein, dass die wirklich außerordentlich massive ausgeführten Klampen und Beschläge diese gewaltigen Energien nur noch auffangen konnten, indem sie anfingen zu arbeiten und sich zu bewegen. Der Wind kam genau von vorne und somit konnte ich die Festmacher ja nicht einfach fieren (lösen/nachgeben). Die gesamte Leiste über dem Deck, begann sich links und rechts immer mehr zu verformen und genau dieser Anblick verursachte in mir Gruselgefühle. War ich doch bisher der Meinung, dass genau dieser Teil unserer SUMMER unverwüstlich robust sein würde. Offensichtlich war jetzt der Punkt erreicht, an dem das Material an seine Grenzen kommen würde. Keine Ahnung, wem die Schläge im Gebälk mehr wehgetan haben, unserer SUMMER oder mir.

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Ganz nebenbei registrierte ich, dass auch die anderen Skipper an den Leinen Ihrer Schiffe arbeiteten. Die Marineros kümmerten sich um die Boote, deren Eigner nicht anwesend waren.  Das große Problem war ja nicht der Wind, der mittlerweile konstant mit 25-29 Knoten blies, sondern die auflaufende Flut und die immer höher steigenden Wellen, die genau in den Hafen liefen. Die Steganlage stieg immer heftiger auf und ab und die Boote auch. Nur mit dem Unterschied, dass die Bewegungen keineswegs synchron waren. Da Winddruck auf die Boote die Festmacher sowieso schon auf Spannung hielt, war das Auf und Ab doppelt kritisch. Mit Grausen dachten wir alle daran, dass wir noch weitere 4 Stunden auflaufendes Wasser hatten. Entspannung war also nicht in Sicht. Mittlerweile mischte sich auch Starkregen in das Geschehen ein. War aber auch egal, da die Klamotten vom Spritzwasser sowieso schon durchweicht waren.

Nach einiger Zeit hatte ich dann auch begriffen, dass es uns ganz besonders heftig erwischt hat, weil wir genau in dem schmalen Bereich lagen, in dem die Welle praktisch ungehindert einlaufen konnte. Die Boote links und rechts von uns tanzten daher eher Walzer und nicht wie wir Rock`n Roll. Aufmunternde Blicke von den Nachbarn halfen mir persönlich etwas über den Berg. Ich glaube, jeder von den Burschen wusste, wie es sich anfühlt, wenn man so wie ich gerade mit dem Leinen kämpft und versucht, die erträglichste Variante zu finden, sein Boot vor den Schlägen zu schützen.

Auf die Lösung des Problems kam unser Freund Lars von der JOY OF LIFE. Er holte zwei sehr massive lange Festmacherleinen aus der Backskiste seines Katamarans, die wir von den Mittelklampen der SUMMER als Spring nach vorn an dem Steg befestigten. So nahmen wir den Winddruck von den Vorleinen. Somit konnten wir die Festmacher deutlich verlängern und die SUMMER tanzte „aufgehängt“ an der mittleren Querachse frei auf und ab. Zusätzlich wurden dann noch weitere Ruckdämpfer ausgelegt und gegen Mitternacht war das Schlimmste dann ausgestanden. Gegen 2:00 legte ich mich dann neben meine Katja schlafen. Sie hatte von all dem nichts mitbekommen. Der Katamaran lag außerhalb des Schwellbereiches und somit ziemlich ruhig im Wasser.

Die Nacht verlief unruhig, aber das Reißen an den Beschlägen hatte ein Ende.

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Erlebnisse wie diese gehören eben auch mit dazu. Wir haben wieder einmal viel dazu gelernt und ich bin mir sicher, dass genau diese Erfahrungen nötig sind, um ein guter Skipper zu werden. Ebenso habe ich gemerkt, wie gern ich doch unser Schiff habe. Einmal mehr bin ich froh, dass wir ein so stabiles Schiff haben und wir nicht bei der Qualität unserer Ausrüstung gespart haben. Das nächste Mal kommt bestimmt und dann werden wir wohl viel gelassener sein weil wir wissen, was zu tun ist, wenn es heftig wird.

Nach zwei Tagen war dann zu erkennen, dass einige Pontons heftig beschädigt waren. Herausgerissene Befestigungen, gebrochene Anker und versetzte Schwimmkörper besonders im Einfahrtsbereich der Marin ließen erahnen, mit welcher Kraft das Meer hier gewütet hat. Von mehreren Schiffen hörte man, dass deren Festmacherleinen bei der Dauerbelastung gebrochen sind.

FAZIT: Der Atlantik ist kein Ponyhof 🙂

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